Dany Bober: "Gegen das Vergessen" - Lied-Geschichte(n)-Jüdischer Humor

Foto: Manuela Baumann
Foto: Manuela Baumann

ORTENBERG (mba). Eine ebenso kurzweilige wie eindrucksvolle Zeitreise durch 3000 Jahren jüdischer Kulturgeschichte erwartete das Publikum auf Einladung des Kulturkreis "Altes Rathaus" im Theater am Turm Ortenberg. In Wort und Lied führte der Wiesbadener Künstler Dany Bober die Zuhörer von der Zeit König Davids, unter dessen Regentschaft die zwölf Stämme Israels mit Jerusalem erstmals eine gemeinsame Hauptstadt erhielten, bis in das Leben und die Kultur in den von den Nazis ausgelöschten Schtetln Osteuropas. Dabei spielte auch der berühmte hintergründige jüdische Humor eine bedeutende Rolle.

 

Vor 40 Jahren führte sein "Singen und Sagen vom Judentum" den 1948 in Israel geborenen, 1956 mit seinen Eltern nach Frankfurt, in die Geburtsstadt seines Vaters, remigrierten und heute in Wiesbaden lebenden Bober erstmals nach Ortenberg. Sein Konzert war damals eine der ersten Veranstaltungen des neu gegründeten Kulturkreis "Altes Rathaus". Seitdem ist er immer wieder in der Stadt aufgetreten, im Alten Rathaus, in der Marienkirche, in der Galerie am Alten Markt und nun auch auf der Altstadt-Bühne "TaT.Ort". Viel hat sich in diesen vier Jahrzehnten in der Erinnerungskultur Ortenbergs getan - nicht zuletzt dank der nimmermüden Initiative Manfred Meusers, dem es in den über drei Jahrzehnten seines Vorsitzes im Kulturkreis stets ein Anliegen war, hier jüdische Kultur zu pflegen sowie immer wieder an das Leid zu erinnern, das die Nazis in ganz Europa über unzählige Menschen jüdischen Glaubens gebracht haben. Und doch ist die Toleranz und Akzeptanz in Deutschland noch immer kein Selbstläufer, wie in letzter Zeit wieder häufiger werdende Angriffe auf Juden und jüdische Einrichtungen beweisen. Wenn es 1975, als Dany Bober seinen künstlerischen Weg durch Kirchen, Theater, Bürgerhäuser und Gemeindesäle begann, nötig war, die Tür des Vergessens und Verdrängens aufzustoßen und frei zu machen für das Erinnern und das Miteinander, so geht es heute darum, kontinuierlich dafür zu sorgen, dass diese Tür weit geöffnet bleibt.

 

Das tut Dany Bober auf einzigartige Weise. Er verknüpft die Vermittlung historischen Wissens mit faszinierender Musik zumeist in hebräischer Sprache und Andekdoten, die mal von großer Tragik

und mal voller Humor sind. Er plaudert, er singt, er berichtet, er trägt Gedichte vor (unter anderem "Heilige Nacht" von Erich Mühsam) und erzählt Witze - aber er doziert nie. Die Reise, auf die er sein Publikum mitnimmt, beginnt in der Zeit König Davids und Salomos und führt über das babylonische Exil, die hellenistische und römische Zeit sowie das mittelalterliche Spanien zum deutschen und osteuropäischen Judentum seit dem Mittelalter. Er singt teilweise selbst komponierte Psalm-Vertonungen, chassidische Volkslieder, spaniolische Liebeslieder und jiddische Volksweisen Osteuropas. Auch ins jüdisch-preußische Berlin und ins revolutionäre Frankfurt führt die Reise, und so durfte auch das Vormärz-Kampflied "Die freie Republik", bei dem das Publikum zum Mitsingen aufgefordert war, nicht im Programm fehlen.

 

Was die jiddische Sprache mit dem Judendeutsch des Mittelalters zu tun hat, warum es im Rotwelschen so viele jiddische und hebräische Lehnwörter gibt, weshalb viele Juden so klangvolle Namen wie Goldberg oder Silberstein haben, aus welchem Grund viele in Israel

aufgewachsene Kinder aus Europa emigrierter Familien im Glauben groß wurden, bei gängigen Liedern aus den ursprünglichen Heimatländern ihrer Eltern handle es sich um jüdische Folklore, und inwiefern in Dany Bobers Biografie dem Weihnachtslied "Tochter Zion, freue dich" in dieser Hinsicht eine Schlüsselrolle zukam, erfuhren die Zuhörer im Verlauf der kurzweiligen zweieinhalb Stunden im "TaT.Ort".

 

Als letztes Stück vor der Zugabe sang Dany Bober den Psalm 126 in der Vertonung der israelischen Nationalhymne - ebenso ein Höhepunkt im Programm wie das jiddische Lied "Dos Kälbl" aus dem Jahr 1940, das nicht zuletzt in der englischsprachigen Version des Sängers Donovan unter dem Titel "Donna, Donna" weltberühmt wurde. Dort heißt es "Wärst du eine Schwalbe, wärst du frei. Du aber bist ein Kälbchen, das zur Schlachtbank geführt wird." Welch eine Vorwegnahme des Schicksals, das den europäischen Juden damals kurz bevor stand.

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